Vorbild sein und der Fall Maaßen

von Iris van Baarsen

Fehler eingestehen hat nicht immer was mit menschlicher Größe zu tun 

Fehler eingestehen ist für die meisten wie eine bittere Pille schlucken. So lange wie möglich rauszögern, dann schnell weg mit dem Ding, anschließend schütteln, noch einen Schluck Wasser hinterher, danach ist es vorbei. Hofft man.

In unserer Gesellschaft ist es nicht unbedingt en vogue Fehler zuzugeben. Als Führungskraft, ob in Politik oder Wirtschaft, kratzt das Zugeben eines Fehlers meist erheblich am Lack des Images und hinterlässt nicht selten hässliche Kratzer. 

Vergangenen Freitag hatte Andrea Nahles zugegeben, dass sie (Angela Merkel, Horst Seehofer und Andrea Nahles) sich geirrt hatten. Das zeigten die Reaktionen aus der Bevölkerung, erklärte Nahles ihre Kehrtwende in Sachen Maaßen. Die Frage ist, worin haben sich Merkel, Seehofer und Nahes geirrt? Darin, dass das moralische Verständnis der Bürger ein anderes ist, als dass der Regierungsspitze? Oder darin, dass die Bevölkerung nicht so schnell Ruhe gab wie erhofft und der Druck seitens der Parteigenossen wesentlich größer wurde, als Frau Nahles es je für möglich gehalten hatte? Oder hatte Horst Seehofer sich darin geirrt, dass die Rufe nach seinem Rücktritt lauter wurden als die Trompeten von Jericho? Oder meinte Frau Nahles, dass man sich geirrt hatte, als man glaubte, es sei richtig, einem Verfassungsschutzchef das Vertrauen zu entziehen und ihn im gleichen Atemzug zum Staatssekretär des Bundesinnenministeriums zu befördern? Worin also haben sich die drei geirrt?

Andrea Nahles hat einen Fehler in dem Moment zugegeben, als ihr nichts mehr anders übrigbliebt, als der Druck aus der eigenen Partei nicht mehr zu kontrollieren war. Mit Einsicht oder gar menschlicher Größe hat das wenig zu tun. Eher damit, noch schlimmeres zu verhindern und wohl noch mehr damit, sich selbst zu retten. 

Es gibt einen Zusammenhang zwischen guter Führung und Erfolg

Überhaupt lässt der Fall Maaßen Andreas Nahles (und nicht nur sie) als schwache Führungskraft dastehen. Betonte sie doch erst, dass sie persönlich den Rücktritt Hans-Georg Maaßens gefordert hatte, für das Dilemma der anschließenden Beförderung sei aber Horst Seehofer zur Verantwortung zu ziehen. Und genau damit hatte ihr Satz nichts zu tun: Mit Verantwortung. 

Eine wirklich gute Führungsmannschaft ist Vorbild. Immer! Denn Vorbild sein ist die entscheidende Fähigkeit einer starken und visionären Führung. Walk your talk, wie man so schön sagt. Führungskräfte stehen im Rampenlicht und die Menschen einer Organisation, einer Partei oder eines Landes, vergleichen dass, was Führungskräfte sagen, mit dem wie sie handeln. Wenn die oberste Führungskraft etwas tut von dem sie überzeugt ist und es sich später als falsch herausstellt, dann war das eine Fehlentscheidung, und Fehlen ist menschlich. Wenn eine Führungskraft jedoch zu Beginn sagt, dass etwas schwer erträglich ist und sie es für falsch hält und es dennoch zulässt, dann handelt es sich schlichtweg um Führungsversagen. 

Wenn die Werte der Führungsmannschaft nicht mehr die Werte der Organisation sind 

Führung unterlag in den letzten Jahrzehnten einer immer deutlich werdender Ambivalenz. Einerseits wird der Erfolg eines Unternehmens mit einer herausragenden Führung erklärt und entsprechend (durch finanzielle Vergütung) honoriert. Auf der anderen Seite haben Top-Manager, wie auch Politiker meist einen eher schlechten Ruf. Woher kommt das? 

Ein Grund dafür ist, dass viele Führungskräfte immer noch verhaltensorientiert, statt werteorientiert führen. Der Wertewandel jedoch sowie die Digitalisierung und nicht zuletzt die Globalisierung, verlangen immer stärker nach einer werteorientierteren Führung, die tiefer geht und damit kulturprägender und nachhaltiger wirkt. Auch in der Politik. 

Werteorientiert führen kann eine Regierung aber nur dann, wenn sie die Werte ihrer Bürger kennt und sich ebenso mit den eigenen Werten, sowohl denen ihrer Partei, als auch ihren persönlichen Werten auseinandersetzt. Was jeder Einzelne von uns als richtig oder falsch empfindet, das sind die Leitplanken der eigenen Werte. Für die meisten Bürger hatte sich die Beförderung Maaßens falsch angefühlt. Für Frau Merkel und Herrn Seehofer dagegen nicht. Es stellt sich somit die Frage, welche persönliche Haltung der Entscheidung, Herrn Maaßen zu befördern, zu Grunde lag. Frau Nahles hat den Sachverhalt (auf Drängen ihrer Partei) zwar als falsch eingestuft, jedoch die Erhaltung einer von Grund auf instabilen und schwachen Regierung und wohl auch ihrer eigenen Machterhaltung vorgezogen. Das kann man nun drehen und wenden wie man will, gute Führung sieht anders aus. 

Nun ist das mit den Werten zugegebenermaßen so eine Sache, denn was für die eine Gerechtigkeit bedeutet, bedeutet für die anderen etwas ganz anderes. Für die meisten Bürgerinnen und Bürger hat die Weiterbeschäftigung Maaßens, ob nun als Staatssekretär oder Sonderbeauftragter mit Gerechtigkeit und Fairness nichts zu tun. Es gleicht einer Schmierenkomödie, die ein ganzes Land tagelang in Atem hält und bei aller Großzügigkeit, den Wert Gerechtigkeit auszulegen, fällt es schwer, in den Handlungen der drei Regierungschefs eine gerechte Handlung zu sehen. Eher spielen Werte wie Profilierung, Machtgier, Durchsetzung und Angst die Hauptfiguren in dieser Posse. 

Eine Regierung, die solche Werte vorlebt, kann und darf nicht als Vorbild gesehen werden. Wenn eine Regierung einen guten Job machen will, muss sie sich mit den Werten der Menschen in diesem Land auseinandersetzten. Denn hätte die regierende Führungsspitze genau zugehört, hätten sie hören können, dass es den Bürgerinnen und Bürgern nicht um die Personalie Maaßen ging und darum, ob er befördert wird oder nur an anderer Stelle den nächsten Job erhält, sie hätten verstanden, dass es hier um ein Prinzip geht. Um das Prinzip der Gerechtigkeit.

Die Hoffnung, dass sich diese Regierung gemeinsam, mit Sinn und Verstand den essentiellen Themen widmet, den Menschen in diesem Land Mut zuspricht und endlich aufhört mit der Verbreitung von Angst regieren zu wollen, löst sich wie dieser Sommer, langsam aber unaufhaltsam auf. Genauso wie sich die Aufregung und die Empörung der Bürger auflöst und es weitergeht ….Ruhe herrscht im Fall Maaßen.  

 

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